Alexander Hering

Burnout Prävention - Hypnose - Psychologische Beratung

STRESS

Es wird viel darüber gesprochen und Sie kennen ihn wahrscheinlich auch: STRESS.

Wir fühlen uns oder sind GE-STRESST, wir bezeichnen eine Situation oder einen Job als STRESSIG oder sagen auch schon mal entnervt „Mensch, mach jetzt keinen STRESS“!

Stress - Ursache oder Wirkung?

Die Formulierungen, die wir häufig im Zusammenhang mit Stress verwenden, lassen vermuten, dass Stress von etwas oder jemandem verursacht wird. Wäre das der Fall, könnte man Stress nur reduzieren, indem man die Ursache d.h. das „Etwas“ oder „Jemand“ eliminiert und das ist in den meisten Fällen entweder nicht möglich, nicht empfehlenswert oder illegal 😉.

Dagegen spricht auch, dass die gleiche Situation, Tätigkeit oder Person beim einen Stress auslöst, während ein anderer gelassen und entspannt bleibt. Hierzu fallen mir spontan die vorweihnachtliche Geschenkejagd in der Innenstadt ein, das Familienessen oder die Urlaubsvorbereitungen.

Offensichtlich ist Stress also sehr individuell und bezeichnet nicht die Ursache, sondern deren Wirkung d.h. die psychische und physische Reaktion auf ein (stressauslösendes) Ereignis (Reiz). 

Stress ist lebensnotwendig

Stress ist so alt, wie die Menschheit selbst. Stress ist ein Überlebensmechanismus, der uns in Notsituationen körperlich und mental aktiviert, um entweder zu kämpfen oder zu fliehen („Fight or Flight Response“). Was in der Steinzeit der Säbelzahntiger war, ist heute vielleicht der LKW der plötzlich auf die linke Spur zieht. Gerade eben waren wir noch in Gedanken bei der Familienfeier, die wir vorbereiten müssen, die Hände locker am Lenkrad bei angenehmen 130 km/h, und einen Sekundenbruchteil später sind wir hellwach und vollkommen auf die brenzlige Situation fokussiert.

Erst wenn die Gefahr „gebannt“ ist, fällt die Anspannung von uns ab. Wir lockern den Griff ums Lenkrad und stellen fest, dass der Pulsmesser in unserer digitalen Uhr Alarm geschlagen hat – die ausklingenden Symptome einer Stressreaktion.

Das besondere an einer Stressreaktion ist, dass sie unbewusst und in Sekundenbruchteilen ausgelöst wird. In Gefahrensituationen ist Zeit ein kritischer Faktor und kann über Leben und Tod entscheiden. Würden wir eine Situation mit dem Verstand beurteilen und die Reaktion bewusst planen, hätte uns der Säbelzahntiger wahrscheinlich bereits gefressen, bevor wir auch nur einen Schritt getan hätten.

Zum Vergleich: Die Geschwindigkeit der Impulse liegt im bewussten Teil des Gehirns bei ca. 193-225 km/h, im Unterbewusstsein ca. 800x schneller, bei über 160.900 km/h.

Stress sichert unser Überleben und hilft uns mit Bedrohungen umzugehen und Gefahren abzuwenden. Die Stressreaktion ist nicht die Folge einer bewussten, rationalen Beurteilung oder Entscheidung, sondern das Ergebnis eines Prozesses, der unbewusst abläuft – im Bruchteil einer Sekunde. 

Körper und Geist in Alarmbereitschaft

Stress bedeutet die „Mobilmachung“ des gesamten Organismus – wie die straff gespannte Seite eines Bogens: Atemfrequenz, Puls und Blutdruck steigen, die Muskeln spannen sich an, die Bronchien werden erweitert und der Stoffwechsel aktiviert, Insulin ausgeschüttet, die Verdauung wird eingestellt und Endorphine freigesetzt, um die Schmerztoleranz zu erhöhen. Auf der mentalen Ebene steigen die Aufmerksamkeit und der Fokus – unwichtige bzw. nicht relevante Reize werden ausgeblendet.

Das ist der Stress, den wir spüren und wahrnehmen – die physische und psychische Stressreaktion mit all seinen Symptomen: die schweißnassen Hände während eines Vortrages, das Herzklopfen bei einem Vorstellungsgespräch, die Schulter und Nackenschmerzen am Ende eines arbeitsreichen Tages usw. 

Die Macht der Hormone

Doch bevor es soweit ist, passiert in unserem Körper eine ganze Menge. Über unsere 5 Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken) nehmen wir permanent Eindrücke (Reize) auf – einige bewusst und weitaus mehr unbewusst. Alle eintreffenden Sinneseindrücke werden in unserem Gehirn einer "verdeckt" ablaufenden „Prüfung“ unterzogen z.B. wichtig versus unwichtig und harmlos versus bedrohlich.

Der Eisbecher auf dem Nachbartisch in einem Café würden wir wahrscheinlich als harmlos einstufen (es sei denn, wir sind auf Diät), eine Vogelspinne wohl eher nicht.

Bei den meisten von uns würde der Anblick dieses achtbeinigen Tieres eine Stressreaktion in Gang setzten, mitunter gefolgt von einer sofortigen Flucht – unser Gehirn hat „Alarm“ geschlagen und eine Kaskade an biochemischen, neuronalen und hormonellen Prozessen in Gang gesetzt.

Eine große Rolle hierbei spielen die Hormone Adrenalin (Epinephrin), Noradrenalin (Nor-Epinephrin) und Cortisol (Hydrocortison). Im Falle einer Bedrohung wird vom Gehirn über das sympathische Nervensystem ein Impuls an das Nebennierenmark übermittelt und die Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Noradrenalin in Gang gesetzt, die sich über das Blut im gesamten Körper verteilen und dort die sofortige „Mobilmachung“ einleiten. Einige von uns machen sich diesen Effekt bewusst zunutze – beim Besuch eines Fahrgeschäftes auf der Kirchweih, beim Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen. Wir sprechen hier vom sogenannten „Adrenalin-Kick“.

Bei länger andauerndem Stress (etwa ab 10 Minuten) schüttet die Nebennierenrinde zusätzlich Cortisol aus, dass die Wirkung von Adrenalin unterstützt bzw. fortführt. 

Die Dauer macht das Gift

Jeder weiß, dass der Missbrauch von Aufputschmitteln (vgl. Stresshormon Adrenalin) schädlich ist und die meisten von uns stimmen einer längerfristigen ärztlichen Behandlung mit Kortison (vgl. Stresshormon Cortisol) nur im Notfall zu, weil sie sich der Nebenwirkungen (u.A. Heißhunger, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Wassereinlagerungen etc.) sehr bewusst sind.

Stresshormone kann man nicht auf Knopfdruck „neutralisieren“ oder ein Gegenmittel einnehmen, das die Wirkung aufhebt. Sie werden vom Köper abgebaut, wenn sie nicht mehr „benötigt“ werden d.h. wenn die stressauslösende (bedrohliche) Situation überstanden ist – kurzum: wenn die ANspannung in eine ENTspannung übergeht. 

In der Steinzeit waren die Phasen der Anspannung (Kampf, Flucht) eher kurz und es folgten lange Phasen der Entspannung (Bewegung, Ruhe, Erholung, Schlaf).

Heutzutage ist das Verhältnis meist umgekehrt: permanente Anspannung unterbrochen von kurzen „Verschnaufpausen“. Wir stehen unter Dauerstress und leiden unter einem konstant erhöhten Cortisolspiegel mit seinen negativen Folgen für unsere körperliche und mentale Gesundheit und Leistungsfähigkeit. 

Körper und Geist im Ausnahmezustand

Die Menschen werden immer aufgeklärter und gesundheitsbewusster. Wir interessieren uns für die Schadstoffbelastung unserer Nahrungsmittel, wo sie herkommen und wie sie produziert werden. Wie lesen das Kleingedruckte auf den Verpackungen und machen uns Gedanken, wie sich die Inhaltsstoffe auf unseren Organismus auswirken. Wir schützen uns vor schädlichen UV-Strahlen, hören auf zu Rauchen und gehen (hoffentlich) zur Krebsvorsorge. Wir sind offensichtlich bereit, einige Umstellungen in unserem Leben gerne in Kauf zu nehmen, um gesünder und länger zu leben.

Trotzdem nehmen viele von uns chronischen Stress nicht als die Bedrohung für Körper und Seele wahr, die sie ist. Man hat stattdessen sogar manchmal den Eindruck, dass Dauerstress in bestimmten Kreisen „zum guten Ton“ gehört und gleichgesetzt wird mit Erfolg, Leistung und Macht.

Ein gefährlicher Trugschluss, denn ein hoher Cortisolspiegel hat seinen Preis und wir bezahlen mit unserer Gesundheit:

Physisch: Herz-Kreislaufprobleme (Hoher Blutdruck, Herzinfarkt), Magen-Darm-Probleme Übergewicht, Diabetes, abnehmende Libido, Verspannungen und Muskelkrämpfe, Schwächung des Immunsystems (Infektanfälligkeit), Hautprobleme, bis hin zu einem abnehmenden Gehirnvolumen und Schädigung des Erbguts. 

Psychisch und mental: abnehmende Konzentrationsfähigkeit und Kreativität, sowie die Fähigkeit zu Planen und Situationen richtig einzuschätzen. Black-Outs, Vergesslichkeit, Sinnestäuschungen, Denkstörungen, nachlassende Merkfähigkeit, Depressionen, Versagensängste, Gereiztheit, Nervosität, Gefühl der Wertlosigkeit und so weiter. 

Ein Teufelskreis

Dauerstress entsteht häufig durch ein subjektiv empfundenes Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen, die an uns gestellt werden bzw. die wir an uns stellen (z.B. die zeitnahe und „perfekte“ Erfüllung von Aufgaben) und den zur Verfügung stehenden Ressourcen (z.B. Zeit, Fähigkeiten, Kenntnissen) – wir fühlen uns überfordert.

Zur Bewältigung der Aufgaben, die vor uns liegen, benötigen wir i.d.R. unseren Verstand, das rationale Denken, die Einschätzung von Risiken, das Erkennen und Schaffen von Strukturen und Prioritäten d.h. planerische und organisatorische Fähigkeiten, Kreativität zur Entwicklung von Lösungen, analytische Denkprozesse, Emotionskontrolle u.v.m.

Die Krux ist, dass genau das dringend erforderliche rationale Denken im permanenten Stresserleben abnimmt, da dieser Bereich unseres Gehirns aufgrund des hohen Cortisolspiegels in unserem Körper seine Funktion zusehends einstellt und im „Überlebensmodus“ läuft, wodurch der Druck auf uns weiter steigt: ein Teufelskreis, der sich zuspitzt.

So lange bis Körper und Geist die Notbremse ziehen: Der Burnout