Alexander Hering
Psychologische Beratung, Hypnose, Stressmanagement

Love It - Change It - Leave It

Es gib sie und wahrscheinlich kennt sie jeder…. Zeitgenossen, die einen in 0, nix auf die Palme und aus dem inneren Gleichgewicht bringen. Es können ArbeitskollegInnen, Bekannte oder auch Familienangehörige sein und es sind natürlich nicht die Personen selbst, die unsere Emotionen in Wallung versetzen, sondern ihre Worte, Gesten und Handlungen. Wir sind frustriert, ärgern uns oder werden sogar wütend – wir verschenken unsere wertvolle Zeit mit Gedanken und Gefühlen, die uns schaden.

Haben Sie sich schon einmal Folgendes überlegt? Wenn Sie sich nur 5 Minuten am Tag über eine bestimmte Person ärgern, sind das 1.825 Minuten im Jahr – 5.475 Minuten in 3 Jahren.
Wenn man davon ausgeht, dass wir täglich 8 Stunden schlafen, bedeutet das in Summe 5,7 Tage non-stop Ärger über diese Person – 5,7 Tage ihres Lebens, die Sie an diese Person verschenken und nichts dafür bekommen, außer vielleicht ein Magengeschwür oder Kopfschmerzen. Und das waren nur 3 Jahre – manche Menschen begleiten uns durchaus länger.

Deshalb macht es Sinn, sich genauer mit diesem Thema zu befassen und sich einige Fragen zu stellen. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie die Liste sehen – wenn man diese Übung ein paar Mal bewusst durchexerziert hat, läuft sie fast automatisch und sehr schnell ab.

Schritt 1: Emotionen

Was passiert in und mit ihnen? Was empfinden Sie? Fühlen und „hören“ Sie genau in sich hinein und seien Sie vor allem eines: Ehrlich mit sich selbst! Ist es Wut, Ärger, Verachtung, Frustration, Scham, Angst, Ekel, Traurigkeit, Schmerz, Neid und/ oder Eifersucht?


Schritt 2: Fakten schaffen

Was passiert um Sie herum? Nachdem Sie sich über ihre Gefühle im Klaren sind, sollten Sie die Situation bzw. die Umstände möglichst sachlich und objektiv analysieren und beschreiben. Hierbei unterstützen die W-Fragen nach dem: WER, WAS, WANN, WIE, WO? WICHTIG! Halten Sie sich nur an Fakten in Bezug auf das, was TATSÄCHLICH passiert (ist) und lasse Sie alle Vermutungen, Annahmen, Spekulationen und persönliche Bewertungen in Bezug auf die vermeintlichen Beweggründe, Absichten, Ziele oder Gedanken der anderen Beteiligten aus dem Spiel. Das gleiche gilt für ihre Befürchtungen, wie sich die Situation in der Zukunft entwickeln KÖNNTE! 

Beispiel: Auch wenn Sie vermuten, dass ihr Chef den Kollegen bevorzugen wird,  der sich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund spielt, Sie wissen es NICHT!


Schritt 3: Rolle definieren

Mittendrin oder nur dabei? Wir regen uns häufig über Dinge auf, die uns (noch) gar nicht betreffen. Hat die Situation TATSÄCHLICH Auswirkungen auf Sie, wenn Sie sich NUR auf die GEGENWÄRTIGE Sachlage konzentrieren und alles andere weglassen? 

Bezogen auf das Beispiel von Punkt 2: erlangt der „Angeber“ durch sein Verhalten tatsächlich irgendwelche Vorteile, die auf ihre Kosten gehen z.B. mehr Redezeit im Meeting, interessantere Aufgaben, eine bessere Bewertung etc.? 

Lautet die Antwort auf diese Frage „NEIN“, weiter mit Punkt 5. 

Lautet die Antwort auf die Frage „JA“, machen Sie sich Gedanken, welche Nachteile, Folgen oder negative Auswirkungen sich im Detail für Sie ergeben. Und hier liegt der Fokus wieder auf dem „sachlich, gegenwärtig und reell“ – keine Vermutungen, Spekulationen, Annahmen oder Wahrscheinlichkeitsrechnungen!


Schritt 4: Strategie ermitteln

Jeder Mensch und jede Situation ist so individuell, dass es leider kaum Pauschallösungen gibt. Mögliche Ansätze können zum Beispiel sein:

  • Abgrenzen: hier geht es darum für sich und gegenüber anderen Grenzen zu setzen. „Bis hier hin und nicht weiter“ ist die Devise. Natürlich reicht es nicht aus, das NEIN nur zu denken, man muss es auch aussprechen und leben.
  • Position beziehen: es ist immer richtig und wichtig für seine eigenen Wünsche, Ziele, Bedürfnisse und Werte einzustehen und sie zu vertreten – sich SELBST WERT zu schätzen. Ein „sicherer Stand“ macht einen weniger angreifbar, empfindlich und verletzlich.
  • Handeln: nicht in jedem Fall ist es klug oder nötig in Aktion zu treten – wenn es aber erforderlich ist, dann wohl überlegt. Machen Sie sich z.B. bewusst, wer ihre eigentliche „Zielperson“ ist – bezogen auf das Beispiel unter Punkt 2 ist es nicht der angeberische Kollege, sondern der Chef. WICHTIG! Lassen Sie sich nicht provozieren! Lassen Sie sich nicht auf das Niveau eines anderen „herab“, egal was er bzw. sie sagt oder tut – das schadet am Ende nur ihnen selbst. Richten Sie ihre Worte oder Handlungen nie GEGEN jemand, sondern immer FÜR Sie selbst! Beispiel: wenn ihr Chef den angeberischen Kollegen offensichtlich bevorzugt, wäre es wenig zielführend ihm an den Kopf zu werfen, dass er sich manipulieren lässt oder bestimmte Mitarbeiter präferiert. Ebenso würde es nur wenig bringen, sich bei ihm über den Angeber zu beschweren. Stattdessen könnten Sie ihn z.B. nach ihren Einwirkungsmöglichkeiten, seinen Erwartungen, den Voraussetzungen für höherwertigere Aufgaben/ wichtigere Projekte oder Optionen für mehr Sichtbarkeit ihrer Leistungen fragen. ZU GUTER LETZT stellen Sie sich die Frage: Ist mir die Situation den Aufwand wert oder hake ich den Sachverhalt für mich ab? Wenn nicht, weiter mit Punkt 6. 


Schritt 5: Was hat die Situation mit Ihnen zu tun?

Obwohl Sie von der Situation nicht direkt betroffen sind, hat sie offensichtlich eine Wirkung auf Sie. Die Frage, die Sie sich stellen sollten ist „Wieso?“ und die Antworten darauf werden ihnen eine Menge über sich selbst verraten. Denn es gibt immer einen Grund für unsere Emotionen – aber in vielen Fällen ist er nicht in unserer Umwelt zu finden, sondern nur in uns selbst.

Wenn Sie das Verhalten eines ihrer Mitmenschen „stört“, handelt es sich vielleicht um einen Persönlichkeitsaspekt, d.h. einen Charakterzug, eine Eigenschaft oder eine Eigenart, die Sie an sich selbst ablehnen. Beispiel: ein extrem ordnungsliebender und strukturierter Mensch regt sich vielleicht über einen Zeitgenossen auf, der öfters mal „alle Fünfe gerade sein lässt“. Er bzw. sie selbst würde sich eine solche „Nachlässigkeit“ NIE ERLAUBEN (!!) und sehnen sich vielleicht sogar unbewusst nach ein bisschen mehr Leichtigkeit, Spontanität und Gelassenheit.

Eine weitere Erklärung für eine nicht nachvollziehbare bzw. unangemessene emotionale Reaktion ist die Übertragung. Alle emotionalen Erfahrungen, die wir jemals gemacht haben, „schleppen“ wir permanent mit uns herum – in der Regel gut archiviert in unserem Unterbewusstsein. Und dieses ist immer in Aktion und gleicht das, was wir in der Gegenwart erleben mit unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit ab und wenn es eine Übereinstimmung findet, dringt das „Suchergebnis“ in Form der dazugehörigen (abgespeicherten) Emotionen in unser Bewusstsein. Die Folge davon ist, dass wir in einer Situation oder gegenüber einer Person in unserem gegenwärtigen Leben Gefühle wahrnehmen, deren Ursprung in der Vergangenheit liegen.


Schritt 6: Was lerne ich gerade?

Das Leben liefert einem viele Gelegenheiten zu wachsen und Tugenden wie z.B. Mitgefühl, Selbstliebe, Selbstwertschätzung, Verständnis, Geduld, Toleranz, Gelassenheit und Nachsicht zu entwickeln. Sie bekommen immer wieder neue Gelegenheiten das zu lernen, was für Sie wichtig ist und die folgenden Fragen können ihnen dabei helfen, den Dingen einen tieferen, übergeordneten Sinn zu geben:

Was lerne ich gerade? Was kann ich aus der bzw. durch die Situation bzw. Umstände im positiven Sinne lernen? Welche Tugenden soll/ darf ich noch weiter ausbauen?


Schritt 7: Love It- Change It - Leave It

Wir können andere Menschen nicht ändern und auch die Situationen oder Umstände um uns herum, können wir häufig nur bedingt oder gar nicht beeinflussen. Wenn Sie ihre eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft haben, sollten Sie für sich einen Abschluss finden und ihre Energie stattdessen in die Dinge investieren, die ihnen auf ihrem Weg dienen, Sie unterstützen und Sie weiterbringen.
Bezogen auf die Überschrift lautet das Credo:

  1. LOVE IT: die Situation bzw. die Umstände so anzunehmen, wie sie sind: „Es ist, wie es ist“. Punkt. Haken dran! ODER
  2. CHANGE IT: Nutzen Sie ALL ihre Möglichkeiten, um die Situation zu ihrem Besten zu verändern bzw. zu beeinflussen, sowie sich selbst zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Wenn Sie nicht weiterkommen oder auf der Stelle treten, suchen Sie Rat und Unterstützung bei Personen ihres Vertrauens. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Wenn ja, super! Punkt. Haken dran! ODER
  3. LEAVE IT: Wenn nichts hilft: besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Punkt. Haken dran!